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TanzMedizin
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TanzMedizin
von: Elisabeth Exner-Grave
Schattauer GmbH, Verlag für Medizin und Naturwissenschaften, 2008
 
Format: PDF, PDF
geeignet für: PC, MAC, Laptop Online-Lesen

ISBN: 3794564618

Preis*:      39,95  

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Leseprobe

6 Spezielle Probleme im Tanz (S. 137-138)

6.1 Homo-, Bi- und Transsexualität

Klaus Sator Homosexualität galt in der Geschichte der Medizin lange Zeit als Krankheit. Noch bis in die 1980er Jahre hinein wurde sie in Pschyrembels Klinischem Wörterbuch als „abartige Sexualempfindung" definiert. Die Mehrheit der praktizierenden Ärzte sah in ihr eine „behandlungsbedürftige Störung", von der die davon Betroffenen geheilt werden müssten. Ziel der dazu angewandten, medizinisch wie ethisch äußerst fragwürdigen Therapien wie Kastration, Elektroschocks, Hormonbehandlungen, Gehirnoperationen oder jahrelanger Psychotherapien unter Einschluss von Hypnose und Zwangsverheiratung war es, den „Patienten" umzupolen, ihn heterosexuell zu machen. Nach über hundert Jahren teilweise menschenverachtender Forschungen und Therapien wurde die Homosexualität 1974 aus dem Krankheitskatalog der American Psychiatric Association (APA) gestrichen.

Mit der Veröffentlichung der von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) 1992 herausgegebenen Neufassung der International Classification of Diseases (ICD) verschwand sie auch aus dem der Vereinten Nationen. Transsexualität wird jedoch im aktuellen ICD 10 weiterhin als Krankheit unter der Ziffer F64.0: „Geschlechtsidentitätsstörung" gelistet. Diesbezügliche Kosten für eine Behandlung werden in der Regel von den Krankenkassen übernommen. 6.1.1 Ursachen Die Genese der Homosexualität ist noch immer weitgehend ungeklärt. Zwei prinzipiell unterschiedliche Erklärungsansätze stehen sich derzeit gegenüber: Der eine argumentiert biologisch und beruft sich auf Erkenntnisse der Naturwissenschaften, der zweite argumentiert soziologisch und stützt sich auf solche der Psychoanalyse.

Der erste Ansatz erklärt Homosexualität als die Folge eines genetischen oder hormonellen „Defekts", der zweite sieht ihre Entstehung in frühkindlichen Sozialisationserfahrungen begründet. Beide stimmen darin überein, dass das gleichgeschlechtliche sexuelle Begehren bereits zu einem sehr frühen Zeitpunkt entsteht. Die Möglichkeit einer späteren „Verführung" zur Homosexualität wird ausgeschlossen. Die wissenschaftliche Beschäftigung mit einer von der Heteronormativität abweichenden Sexualität beginnt mit der psychiatrischen Pathologisierung von Homosexualität Mitte des 19. Jahrhunderts (Mildenberger 2002).

Mediziner und Psychologen haben seitdem zahlreiche Theorien über das Wesen und die Entstehung der Homosexualität präsentiert, in denen es ihnen nicht nur um deren Erklärung ging, sondern fast immer auch um die Heilung der davon Betroffenen. Personen mit einer nichtheterosexuellen Identität wurden als körperlich, seelisch oder geistig nicht gesund angesehen. Nach heutiger Auffassung sind viele wissenschaftliche Fragestellungen zur Entstehung von Homosexualität problematisch und für die Betroffenen diskriminierend, weil sie unterschwellig die Frage nach ihrer Vermeidbarkeit oder „Heilbarkeit" aufwerfen und damit im Gegensatz zu dem von der Bundesrepublik Deutschland verabschiedeten Antidiskriminierungsgesetz stehen, das unter anderem die Vielfalt und Gleichberechtigung sexueller Identitäten anerkennt und unter besonderen Schutz stellt.

6.1.2 Vorkommen

Nach einer in den neunziger Jahren in den USA durchgeführten Studie ist davon auszugehen, dass mehr als die Hälfte aller männlichen Berufstänzer homosexuell veranlagt ist. Der Anteil von homosexuellen Frauen im Tanz beträgt danach etwa 2 % (Bailey u. Oberschneider 1997). Offensichtlich scheint der Berufswunsch „Tänzer" bei männlichen Homosexuellen wesentlich stärker ausgeprägt zu sein als bei weiblichen Homosexuellen.

Die Gründe für die besondere Affinität homophiler und homosexueller Männer zur Tanzkunst sind bisher noch nicht systematisch untersucht worden. Es gibt jedoch Hinweise darauf, dass sie mit einem besonderen Verhältnis homo-, bi- und transsexueller Männer zu ihrem Körper korreliert. Zahlen zum Anteil von Transsexuellen unter den Tanzkünstlern liegen bisher nicht vor. Während der Anteil der Männer mit der sexuellen Identität einer Frau (Mann-zu-Frau Transsexualität = MzF) im Verhältnis 1:20000 in der Gesamtbevölkerung beträgt, ist der reziproke Anteil von FzM in der medizinischen Literatur mit 1:40000 aufgeführt (Schöneberg 2002).

6.1.3 Inneres und äußeres Coming-out

Der Zeitpunkt, an dem ein Tänzer professionelle medizinische Hilfe benötigt, kann das Coming-out sein. Dabei handelt es sich um den Prozess der sexuellen Identitätsfindung, der sich über einen kürzeren oder längeren Zeitraum hinziehen kann. Zu unterscheiden ist zwischen einem inneren Coming-out und einem äußeren Coming-out. Ersteres betrifft den Prozess der Selbstvergewisserung über die eigene sexuelle Identität, Letzteres den Umgang damit nach außen, z. B. gegenüber der Familie, Freunden oder Kollegen. Unter den Angehörigen sexueller Minderheiten gibt es solche, die ihr inneres Comingout bereits in der Pubertät erleben, andere haben es erst als Erwachsene.

Das äußere Coming-out kann bei manchen Personen lebenslang dauern. Auch Tanzkünstler, denen allgemein ein offener Umgang mit ihrer Homo- oder Bisexualität nachgesagt wird, sind nicht frei von Coming-out-Problemen und haben teilweise tief verankerte Schuldgefühle (Hamilton 1999). Das kann zu tödlichen Konsequenzen führen, wie etwa im Fall des Tänzers, Choreografen und Ballettmeisters Roy Wierzbicki (Hamburg Ballett), der sich nach Kenntnis seiner Infizierung mit HIV im Alter von 45 Jahren das Leben nahm.



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